Interview mit Maria Kaiser im LeBistrot99, Köln

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Hallo ihr Lieben,

heute treffe ich mich mit Maria Kaiser. Für alle, die ASKLEPIOS noch nicht gelesen haben: Maria ist Emmas Oma. Die Fünfjährige befand sich in ihrer Obhut, als sie entführt wurde. Das traumatische Erlebnis hat natürlich alle Menschen in Emmas Familie verändert. Da ich einen unbeschwerten Tag verbringen möchte, habe ich mich dazu entschieden, Maria vor Emmas Entführung zum Lunch einzuladen.

Meine Wahl fiel auf das LeBistrot99 auf der Aachener Straße in Köln-Junkersdorf (UNBEZAHLTE WERBUNG). Es gehört zu meinen Lieblingsrestaurants der Stadt, und ich bin mir sicher, dass es Maria ebenso gefallen wird. Schließlich hat sie ein Faible für französisches Flair, insbesondere für Paris, Proust und Paul Paray. Warum dies so ist, werdet ihr gleich erfahren.

Ich bin extra ein wenig früher erschienen und habe es mir an einem kleinen Tisch gemütlich gemacht, um den Charme des LeBistrot99 zu inhalieren. Bereits nach wenigen Atemzügen habe ich das Gefühl, Köln hinter mir gelassen zu haben und in das Pariser Leben eingetaucht zu sein. Mich würde es daher wenig wundern, an einem der Tische Sartre oder Picasso und Coco zu erspähen. Immerhin haben sie oft Entspannung und Inspiration in kleinen Pariser Bistros und Cafés gesucht.

Kurz schließe ich die Augen, um mich von einer Prise Rosmarin, die von einem Teller in meine Nase weht, in die Provence entführen zu lassen. Spontan entscheide ich mich, die ersten warmen Sonnenstrahlen nicht zu verschwenden und auf der Terrasse Platz zu nehmen zu. Die weißen Gartenmöbel mit lavendelfarbenen Accessoires, wie Kissen, Decken und Aschenbechern, erinnern mich stets an das Farbenspiel des Sommers im Südosten Frankreichs. Das Ambiente legt das Gefühl nahe, einfach die Hecke, die den Außenbereich vor den Blicken der Passanten schützt, durchbrechen zu müssen, um mich in einem Lavendelfeld inmitten der Provence wiederzufinden.

 

Mein Magen murmelt leise aus lauter Vorfreude auf die kulinarischen Genüsse. Auf der Speisekarte stehen Gerichte der deutschen, französischen und mediterranen Küche, die mit Nuancen aus der ganzen Welt verfeinert werden. Die Kreativität ist grenzenlos. Diese gilt übrigens nicht nur für die Küche, sondern für das gesamte Restaurantkonzept. An das LeBistro99 ist nämlich die Galerie Kunstraub99 angeschlossen. Daraus erwächst zum Beispiel die Möglichkeit, ein Art-Diner zu erleben, bei dem man umhüllt von einem Hauch Paris inmitten von Kunst dinieren kann. Zudem können die Gäste Kunstausstellungen, Kochkurse, Lesungen und Musikevents erleben.

La vie en rose von Ediath Piaf schleicht sich gerade in mein Bewusstsein, als Maria das LeBistrot99 betritt. Der Heckeneingang umgibt sie wie ein Rahmen ein Gemälde. Ihr Blick schweift über die einladende Dekoration und ein Leuchten legt sich in ihre zarten Pergamentfältchen. Schließlich bleibt ihr Augenmerk an mir haften. Strahlend eilt sie auf mich zu und stempelt meine Wangen nach französischer Manier mit einigen Küsschen. Ein aufmerksamer Kellner rückt ihr den Stuhl zurecht.
      „Dir gefällt es.“ Ich erwidere ihr Strahlen.
   „Hast du etwas anderes erwartet?“ Sie stellt ihre Tasche auf den freien Stuhl neben sich.
     „Nein“, lache ich. „Natürlich nicht. Möchtest du die Karte sehen, oder soll ich etwas für dich bestellen?“
   „Es kennt mich wohl kaum jemand besser als du.“ Sie lehnt die Karte mit einem Handzeichen ab.
     Also bestelle ich als Vegetarierin einen Salat mit Ziegenkäse für mich und für Maria, eine Pescetarierin, eine Dorade rosé mit Safran Fenchel. Dann ziehe ich meinen Fragenkatalog aus der Tasche. „Wie du weißt, haben mir unsere Leserinnen einige Fragen gemailt, die ich dir stellen soll. Können wir das schnell hinter uns bringen? Anschließend können wir es uns richtig gutgehen lassen.“

„Warum beantwortest du die Fragen nicht einfach selbst?“ Ein amüsiertes Lächeln zieht an ihren Mundwinkeln. „Ich weiß, dein Konzept“, schießt sie die Antwort hinterher. „Dann leg mal los.“
    „Ich mache schnell“, verspreche ich ihr und meinem knurrenden Magen. „Frage eins“, grinse ich. „Wenn dein Leben verfilmt würde, welche Schauspielerin würde dich spielen?”
  „Das ist leicht.” Sie neigt den Kopf zur Seite und schenkt mir ein Lächeln. „Jutta Speidel”, antwortet sie leichthin, als hätte der Name es sich bereits vorher auf ihrer Zunge bequem gemacht.
   Ich versuche meine Enttäuschung zu verbergen. Jutta Speidel – ja, das ist absolut offensichtlich. Sie schwebte vor meinem inneren Auge, als ich die Figur der Maria entwarf. Hätte mein Gegenüber nicht wenigstens versuchen können, mich zu überraschen, zum Beispiel mit der Behauptung, Meryl Streep solle sie spielen? Um es ihr etwas schwerer zu machen, verwerfe ich die Frage nach ihrer Lieblingsfarbe und frage stattdessen: „In welcher Romanwelt würdest du gern den Rest deines Lebens verbringen?” Ich halte die Luft an und warte gespannt.
    Der Kellner erscheint an unserem Tisch, präsentiert eine Flasche Bordeaux Blanc und schenkt mir einen Schluck zur Probe ein. Beiläufig schwenke ich das Glas, während ich meine Gesprächspartnerin betrachte. An ihrem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass ihr die kurze Unterbrechung sehr gelegen kommt. Die Antwort liegt ihr dieses Mal nicht auf der Zunge. Um ihr etwas mehr Zeit einzuräumen, rieche ich an dem Wein, gönne mir einen kräftigen Schluck und spüle die Flüssigkeit dezent durch meinen Mund. Der Geschmack zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht, das ich an den Kellner weiterreiche.

    “Schwierig”. Maria schaut mich an. “Das ist wirklich schwer. Ich lese sehr viel, und es gibt sehr viele Buchwelten, die mir zusagen. Gib mir noch ein paar Sekunden.” Sie hebt ihr Glas und prostet mir zu. “Santé!”
   “Santé!” Ich genieße das Aroma des Weins.
  “In der Welt von Jean-Paul Sartres Das Spiel ist aus”, entscheidet sie endlich.
   Ich verschlucke mich und huste. Die Überraschung hat mich eiskalt erwischt, juckt in meiner Kehle, umklammert meine Brust und zerrt an meinen Augenlidern. Damit habe ich nicht gerechnet. Es stimmt also, dass Buchcharaktere sich von Zeit zu Zeit verselbständigen und dem Autor einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen. Ahnt Maria etwa, dass ihnen etwas schrecklich bevorsteht? „Wieso?” Das Wort fällt plump aus meinem Mund und landet mit einem lauten Platsch auf dem Tisch.
   „Wäre es nicht wunderbar, wenn die Uhr des Schicksals zurückgestellt werden könnte und wir die Chance bekämen, eine Situation nochmals zu erleben und richtig zu machen?“
   Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Ja, das wäre es.” Mir wird flau. Maria muss eine dunkle Vorahnung haben. Ja, wenn sie die Möglichkeit hätte, den Nachmittag mit Emma noch einmal zu erleben, den Nachmittag als ihre Enkeltochter entführt wurde, dann würde sie sicherlich einiges anders machen. Sie würde weder das Nudelwasser aufsetzen noch nach der Sonnencreme suchen. Sie würde ihre Enkelin keine Sekunde aus den Augen lassen. Doch von all diesen düsteren Ereignissen hat sie bisher keine Kenntnis.
  „Ist dir nicht gut.” Besorgnis hat sich auf Marias Gesichtszüge gelegt, wie die Sonnenstrahlen auf den Asphalt.
   „Nein, alles okay”, flunkere ich. „Ich habe nur fürchterlichen Hunger.” Glücklicherweise grummelt mein Magen genau in diesem Moment, und Marias Bedenken verflüchtigen sich.

   „Das war erst die zweite Frage. Wenn du bis zum Mittagessen fertig sein möchtest, würde ich etwas zügiger voranschreiten.”
   „Gut”, mein Lächeln leistet uns wieder Gesellschaft. „Für welche drei Dinge in deinem Leben bist du am dankbarsten?”
Marias blaue Augen strahlen. „Für meinen Mann, meine Tochter Sophie und meine Enkelin Emma. Jetzt sag bloß nicht, dies seien keine Dinge. Schließlich hast du Hunger. Also weiter.”
   „Welche drei Werte sind dir am wichtigsten?” Ich halte die Luft an und bin gespannt, ob die Antwort mich wieder überraschen wird.
   „Oh je, viele Werte sind mir wichtig.“ Maria nimmt einen Schluck Wein. “Wenn ich mich für drei Werte entscheiden muss, nehme ich Gesundheit, Gerechtigkeit und Mut!”
   „Gesundheit, Gerechtigkeit und Mut”, wiederhole ich langsam.
   „Ist doch logisch als Ärztin, oder?” Maria senkt den Kopf und blickt mich an.
   „Ähm, das finde ich jetzt nicht unbedingt logisch”, überlege ich laut. “Hilfsbereitschaft hätte ja auch gepasst.”
   „Hilfsbereitschaft ist auch enorm wichtig”, pflichtet Maria mir bei. “Nur bei mir nicht unter den ersten dreien.” Sie schwenkt den Wein im Glas. Ein kleiner Weinwirbel fängt meinen Blick und lässt mich spontan die letzte Frage stellen.
   „Was glaubst Du, ist deine Berufung im Leben?” Mein Blick haftet immer noch an dem kleinen Strudel. Er erinnert mich an den Strudel des Lebens, der einen in die Tiefe ziehen kann, wenn man nicht im ruhigen Zentrum steht. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Wirbel Maria erfaßt und sie ihr Gleichgewicht verliert. Schnell stoße ich den Gedanken wie einen abgestandenen Kaffee zur Seite. 
   „Ärztin zu sein”, Maria nickt bekräftigend, „weil ich dann das Gefühl habe, genau das zu tun, was ich im Leben tun sollte. Ich würde dies auch machen, ohne dafür bezahlt zu werden.”
   „Das waren schon fünf Fragen.” Ich spähe in Richtung Küche. „Aber da wir anscheinend noch etwas Zeit haben, würde ich gern unseren Lesern erklären, warum du eine Schwäche für Frankreich und insbesondere Paris hast.“
   „Du meinst, ich soll von meiner Zeit in Paris erzählen, als ich mein praktisches Jahr gemacht und meinen Mann kennengelernt habe und das romantischste Abenteuer meines Lebens hatte?”
   „Genau das meine ich”, flüstere ich, als der freundliche Angestellte unsere Bestellungen vor uns arrangiert. „Ich höre diese Liebesgeschichte immer wieder gern. Nur aufschreiben werde ich es jetzt nicht. Dazu sieht das Essen viel zu verführerisch aus.“
   „Und dieser Duft!“ Maria schließt kurz die Augen. Ihre Mundwinkel heben sich. „Vielleicht treffen wir uns einfach nochmal hier, und ich erzähle den Lesern dann von meiner großen Liebe in Paris?“
   „Genauso machen wir das.“ Ich lache. „Bon Appétit, Maria!“

 

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