Köln-Blog Nr. 2 – Interview mit Anneliese Goldberg im Café Krümel

 

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Hallo ihr Lieben,

eben wurde ich von einer Nostalgiewelle ergriffen, die mich direkt ins Café Krümel gespült hat. Es liegt nur wenige Schritte vom zentralen Campus der Universität zu Köln entfernt, wo ich vor einer gefühlten Ewigkeit studiert habe. Bei der Gelegenheit habe ich viele Stunden in dem kleinen Café verbracht – natürlich nur während der Freistunden.

Die Zeit ist am Krümel fast spurlos vorbeigeplätschert. Alles sieht tatsächlich so aus, wie ich es in Erinnerung habe. An einer Wand hängt sogar noch der uralte Spiegel, der mich schon zu Studienzeiten fasziniert hat, und gleich daneben die plakative Dame im 60er Jahre Look, die den Gästen per Schild den Weg zu Toiletten, Telefon, und Zigaretten weist.
Die Holztische haben über die Jahre einige Katschen und Kratzer bekommen, aber wer hat das nicht? Könnte der Tisch mir erzählen, wer und warum vor Aufregung in die Tischplatte gebissen und vor Nervosität den Lack abgekratzt hat, hätte ich sicherlich genügend Schreibstoff für die nächsten Jahre und bräuchte meine Phantasie nicht permanent zu malträtieren.

 

Das Café Krümel gibt es bereits seit achtunddreißig Jahren. Seitdem wird es von seinem Inhaber, Herrn Neumann, liebevoll durch die Jahrzehnte geschifft. Die freundliche Besatzung beziehungsweise Bedienung rangiert eifrig Tabletts mit Frühstück an die Tische. Der Duft von Speck weht an mir vorbei. Die Kuchen, die sich im Kühlschrank tummeln, lässt dies offensichtlich völlig kalt.
     Ich schaue mich kurz um und stutze. Etwas ist anders, aber was? Einige Sitzbänke sind neu. Das ist es jedoch nicht. Es ist das Publikum, das deutlich älter geworden ist. Wo mögen nur die Studenten sein? Entweder sie haben heute keine Freistunden oder sie haben sich aus Kostengründen am Kiosk ein Bier gekauft und sich damit auf eine Mauer gepflanzt. Aber um diese Uhrzeit? Das macht man doch nur abends, oder?

Neugierig schlage ich die Speisekarte auf und bin überrascht von dem umfangreichen Angebot. Der Wandel der Zeit ist also doch nicht unbemerkt an dem Café vorbeigezogen. Mit viel Bedacht hat es sein Repertoire zeitgemäß erweitert. Neben heißen und kalten Getränken – mit und ohne Alkohol – finden sich ein umfangreiches Frühstücksangebot, Kuchen, frische Waffeln (von 15.00 bis 18.00 Uhr), Eisbecher, Crêpes und Pfannkuchen, Fleisch und Fisch, Salate, kleine Gerichte, Pasta, Vegetarisches und Veganes sowie ein spezielles Mittagsangebot von 12.00 bis 15.00 Uhr. Da dürfte sicherlich für jeden etwas dabei sein.
    Die Sonne wirft ein paar Strahlen durch die verbissen wirkenden Wolken, und ich spiele mit dem Gedanken, es mir an einem der Tische, die auf dem Bürgersteig arrangiert wurden, bequem zu machen, als ich in einer Ecke eine Dame entdecke, die sich hinter einer Tageszeitung verbarrikadiert.  Sie steckt ihren Miss Marple Lockenkopf hervor, winkt mir zu und versteckt sich erneut hinter dem aufgeschlagenen Papier.

 

„Psssst!“ Sie legt den Finger auf die Lippen, als ich neben sie trete und den Mund zu einem Gruß öffne. Kurz klopft sie auf den freien Stuhl neben sich. Die Zeitung fällt in sich zusammen und gibt die Deckung auf. Behände nimmt die Frau die Seite wieder auf und deutete mir mit dem Nicken des Kopfes an, ebenfalls hinter dem bedruckten Papier Schutz zu suchen.
     „Guten Morgen, Anneliese“, flüstere ich. „Was machst du hier?“
     „Undercover-Ermittlung.“ Ihr Wispern geht im Klappern einiger Tassen fast unter.
     „Undercover?“ Vor Überraschung vergesse ich, meine Stimme zu drosseln.
     „Leise!“ Eine tiefe Falte buddelt sich zwischen ihre Brauen.
     Ich spüre, wie etwas Warmes meine Wade streift und reiße überrascht mein Bein zur Seite. Es stößt gegen das Tischbein. „Au!“ Der Schreck lässt mich alles Undercover vergessen.
     „Das darf doch nicht wahr sein.“ Der Vorwurf kräuselt sich in Annelieses Stimme. „Ich werde deinetwegen noch auffliegen. Von einer Thriller-Autorin hätte ich mehr Professionalität erwartet.”
„Professionalität?“, echoe ich, starre auf mein Schienenbein und entdecke dabei Mozart. „Hallo, Mozart“, juchze ich und kraule das Fell des Rauhaardackels.
     Anneliese seufzt. Auch schon nicht mehr ganz so leise. Mein Elan scheint sie anzustecken. „Bitte“, sie senkt die Stimme wieder. „Etwas mehr Contenance.“
     „Contenance?“, repetiere ich. Aber dieses Mal im Flüsterton. „Warum? Was treibst du hier?“
     „Ich observiere. Meine Freundin hat mich als Privatdetektivin engagiert.“
     Ich atme tief durch und zähle bis drei, um meine Gedanken zu sortieren und nicht auch noch das Wort Privatdetektivin zu wiederholen. „Das hört sich spannend an“, quetsche ich hervor. „Wenn observierst du denn? Und wie kommt deine Freundin auf dich?“ Endlich habe ich meine Fassung wiedergefunden und schaffe es, eine halbwegs normale Konversation zu führen.
     „Halt doch bitte mal die Zeitung. Meine Arme schmerzen allmählich.“
     Ich nehme Anneliese den Blätterschutz ab.
     „Das tut gut.“ Sie massiert die Oberarme und gönnt sich einen Schluck Kaffee. „Abgestanden“, bemerkt sie. Nichtsdestotrotz strahlt sie mich an. „So ist die Observierung wirklich angenehmer.“ Sie lugt an der Kante vorbei und taucht schnell wieder in Deckung. „Siehst du den Herrn mit Hemd und Fliege?“
     Ich recke meinen Hals, spähe über den oberen Rand des Tagesblatts und nicke.
     „Das ist Otto Fröhlich. Der Mann meiner Freundin. Sie vermutet, dass er ein Verhältnis hat.“
     „Aber er ist mindestens achtzig.“ Die Worte rutschen aus meinem Mund. Ein Lachen zwirbelt an meinen Mundwinkeln.
     „Ja und?“ Anneliese kreuzt die Arme vor der Brust. „Man kann auch mit achtzig eine Affäre haben.“ Sie leert die Kaffeetasse. „Meine Freundin weiß natürlich, dass ich Schwarz, den schlimmsten Verbrecher aller Zeiten, im Rahmen unserer Nachbarschaftsinitiative beobachtet habe. Otto ist dagegen ein Klacks. Ich finde im Nullkommanichts heraus, wo er sich jeden Morgen hinschleicht.“
     „Er ist aber ohne Begleitung hier.“
     Meine intelligente Bemerkung entlockt Anneliese einen weiteren Seufzer. „Vielleicht kommt die Dame später oder sie treffen sich in einem Hotel.“
     „Also warten wir etwas“, schlussfolgere ich. „Dürfte ich dir ein paar Fragen stellen, die unsere Leser von dir beantwortet haben möchten?“
     „Das halte ich für eine ziemliche Zeitverschwendung.“ Anneliese zwirbelt an einem Goldring. „Du hast mich erfunden und beantwortest sowieso alle Fragen genauso, wie sie dir in den Kram passen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich früher nicht Mathematik studiert, um anschließend Lehrerin zu werden, sondern Archäologie!“
     Ich schließe für einige Sekunden die Augen und schlucke eine spontane Bemerkung runter. Welcher Autor diskutiert schon gern mit seinen Figuren oder mag es, wenn sie ihm auf der Nase herumtanzen?
     „Ha! Er geht. Jetzt wird es spannend.“ Sie schnappt ihre Tasche. „Bezahlt habe ich bereits, damit ich jederzeit loskann. Komm, Mozart! Komm!“
     “Du kannst doch jetzt nicht einfach gehen.” Meine Beschwerde wirkt auf Annelieses Entschlossenheit wie ein Federkissen beim Sturm auf die Bastille. 
     “Die Pflicht ruft, Kindchen.” Sie stülpt eine übergroße Sonnenbrille auf ihre Nase. “Tarnung!”
     “Oh, Anneliese”, denke ich. “Ich weiß, ich bin es selber Schuld. Genau so habe ich dich herbeigeschrieben.”
     Mozart erhebt seinen Dackelpo und spendiert mir einen mitleidigen Blick, bevor er schwanzwedelnd hinter Anneliese herdackelt. Ein freudiges Rouge hat sich auf ihre Wangen gepinselt, und ich bin mir sicher, dass Otto Fröhlich mit ihr noch seinen Spaß haben wird.

 

 

ASKLEPIOS

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Ein pädophiler Mörder. Ein Gott der Heilkunst. Eine perfide Therapie.

Als die fünfjährige Emma entführt und brutal ermordet wird, zerbricht das Leben ihrer Familie. Kaum haben die Angehörigen sich mühsam eine neue Existenz aufgebaut, wird Emmas Mörder aus dem Gefängnis entlassen und verschwindet kurz darauf spurlos. Hat er wieder ein Mädchen in seiner Gewalt? Wurde er entführt? Wer außer Emmas Familie hätte einen Grund zur Vergeltung? Um die Kommissare Ruby und Spike legt sich ein Netz aus Lügen und Geheimnissen. Während das Ermittlerduo die Fäden entwirrt, befindet sich Emmas Mörder in der Hand von Asklepios, dem Gott der Heilkunst, der ihn einer perfiden Therapie unterzieht …

Hinweis der Autorin: Dieser Roman ist nicht für Leser geeignet, die brutale und blutrünstige Unterhaltung lieben. Von Szenen, die Kindesmissbrauch oder Vergewaltigungen beschreiben, distanziere ich mich ausdrücklich. Asklepios vergeht sich lediglich an einem Mann. Sorry, guys!